Schule ist etwas Lebendiges, Dynamisches, dem stetigen Wandel unterworfen. Daher ist auch die Beschäftigung mit der Geschichte einer Schule eine spannende Auseinandersetzung mit Veränderungen, die sich in vielfältiger Weise manifestieren. Auch die HTL Steyr hat im Laufe ihrer 140 Jahre viele Entwicklungen und Veränderungen durchgemacht, die hier kurz skizziert werden sollen.


Der angesprochene stete Wandel lässt sich einerseits in nüchternen Zahlen und Fakten dokumentieren. So hat sich zum Beispiel der Name der Schule seit ihrer Gründung schon achtmal geändert; ursprünglich hieß sie Fachschule für Eisenindustrie; daraus wurde die Versuchsanstalt und Lehrwerkstätte, später die Vereinigte Fachschule und Versuchsanstalt. In weiterer Folge wechselte die Bezeichnung noch mehrmals:

 

  • Bundeslehranstalt für Eisen- und Stahlbearbeitung
  • Staatsfachschule
  • Ingenieurschule
  • Technisch-gewerbliche Bundesfachschule
  • Bundesgewerbeschule
  • Höhere Technische Lehranstalt

 

Der heutige Standort der Schule ist bereits der vierte in der Geschichte der Schule. Direktor Dipl.-Ing. Dr. Reithuber, ist der sechzehnte Schulleiter. Dass bei den Lehrern und Schülern die Veränderungen besonders groß sind, versteht sich von selbst. Ein Zahlenvergleich soll aber die Rasanz dieser Entwicklung veranschaulichen: Im Gründungsjahr der Schule unterrichteten 3 Lehrer 72 Schüler; heute sind es über 100 Lehrer, die sich um mehr als 1000 Schüler kümmern (Stand: Schuljahr 2013/14).

 

Ein Blick in die Geschichte der HTL Steyr zeigt auch, dass die Schule immer bestrebt war, sich den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen der jeweiligen Zeit zu stellen, was natürlich die Bereitschaft zu ständiger Erneuerung und Entwicklung voraussetzt. Diese Anpassung an die jeweiligen Erfordernisse der Zeit kommt besonders gut zum Ausdruck, wenn man die Zielsetzung und die Schwerpunkte der Ausbildung in den einzelnen Phasen der Geschichte der Schule vergleicht. In der Bekanntmachung des Bürgermeisters der Stadt Steyr über die Errichtung einer Fachschule für Eisenindustrie im Jahr 1874 wird als Zweck dieser neuen Schule die „fachliche Heranbildung von Arbeitskräften für die Eisen- und Stahlindustrie von Steyr und Umgebung" sowie die „zeitgemäße Fortbildung der mit der Eisenindustrie sich beschäftigenden Gewerbsleute von Steyr" genannt. In einer Broschüre aus dem Jahre 1879 heißt es: Die „Anstalt hat den Zweck, das Eisen- und Stahlgewerbe von Steyr und Umgebung planmäßig wieder zu heben." Und eine Festschrift zum 50-Jahr-Jubiläum schreibt, „dass die Schule während des halben Jahrhunderts ihres Bestandes mitten im Wirtschaftsleben gestanden ist. Sie hat sich stets den Fortschritten der Zeit angepasst und hat das Ihrige zur Förderung des bodenständigen Gewerbes und der Industrie beigetragen." Das heißt, in der ersten Hälfte des Bestehens der Schule stand vor allem die Heranbildung qualifizierter Arbeitskräfte für die Industrie und das Gewerbe der Region Steyr im Mittelpunkt.

In der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum 1974 wird der Zweck der HTL Steyr bereits ganz anders beschrieben. Es heißt dort: „Der Besuch der Höheren Abteilungen ... soll den Schülern grundlegende theoretische und praktische Fachkenntnisse ... und einen angemessenen Grad an Allgemeinbildung vermitteln." Es ist weiters davon die Rede, dass die Absolventen befähigt werden sollen, „... meist schon nach relativ kurzer Berufstätigkeit gehobene Stellungen in der staatlichen oder privaten Industrie einzunehmen." Es ist also nicht mehr die Rede davon, dass die Schule primär der Region Steyr als Ausbildungsstätte zu dienen hat. Im erwähnten Jahr 1974 wohnten mehr als ein Drittel der Schüler im Internat, d.h. die Schule hatte bereits eine weit über die Region hinausgehende Bedeutung erlangt. Die Stadt Steyr hatte zu diesem Zeitpunkt übrigens schon längst die Schule an den Bund übergeben und damit aufgehört, direkten Einfluss auf das Schulgeschehen zu nehmen.

Es ist sicherlich überflüssig, näher auszuführen, dass die Aufgaben und Ziele der HTL Steyr heute ebenfalls weit über die Rolle einer lokalen Bildungseinrichtung für die Stadt Steyr und deren Umland hinausgeht. Diese Tatsache darf aber nicht zu dem Trugschluss verleiten, die HTL spiele für die Wirtschaft der Region keine Rolle mehr; ganz im Gegenteil: Es gibt einen engen Kontakt zwischen der Schule und den großen, modernen Industriebetrieben in und um Steyr. Die Zusammenarbeit ist für beide Seiten wichtig und befruchtend. Die Schüler haben die Möglichkeit, auf dem aktuellsten Stand der Technik ausgebildet zu werden, Praxis zu sammeln und vielleicht einmal einen guten, interessanten Arbeitsplatz zu erhalten. Die Betriebe ihrerseits können auf ein qualifiziertes, sehr gut ausgebildetes Potential an Technikern zurückgreifen.

Die Fachschule für Eisenindustrie

Die Geburtsstunde der heutigen HTL Steyr schlug am 23.Jänner 1874, als der damalige Bürgermeister der Stadt Steyr, Moritz Crammer offiziell die Errichtung einer Fachschule für Eisenindustrie bekanntgab. Die Gemeindeväter von Steyr hatten sich schon längere Zeit intensiv um eine derartige Schule in Steyr bemüht. Die traditionelle eisenverarbeitende Industrie, die für Steyr lebenswichtig war, litt unter zunehmender Konkurrenz ausländischer Betriebe, und man erkannte zu Recht, dass die einzige Chance, aus dieser Krise herauszukommen, eine verbesserte Ausbildung der Arbeitskräfte war. Bei allen Bemühungen um die Errichtung einer solchen Schule mussten die Verantwortlichen in Steyr aber immer wieder einsehen, dass die finanziellen Mittel dafür fehlten. Als die wirtschaftliche Bedeutung Steyrs durch die Gründung der „Österreichischen Waffenfabriksgesellschaft" von Josef Werndl im Jahr 1869 wieder zunahm, wurden die Bemühungen um eine derartige Schule verstärkt und letztendlich von Erfolg gekrönt: Noch Ende 1873 genehmigte das k.k. Handelsministerium die Errichtung der Schule.

Die Fachschule für Eisenindustrie wurde am 8.Februar 1874 eröffnet. Der Unterricht fand im ehemaligen Jesuitenkloster (heute: BRG Steyr/Michaelerplatz) statt, und zwar an Sonn- und Feiertagen sowie an zwei Abenden pro Woche (Montag und Samstag).

Unterrichtet wurden Gegenstände wie Geometrie, Maschinenzeichnen, Schön- und Schnellschreiben, Buchhaltung, Rechnen und Maschinenlehre. Aufnahmevoraussetzung war unter anderem der Nachweis, dass man in einem zur Eisenindustrie gehörigen Gewerbe arbeitete. Obwohl in der Bekanntmachung vom 23.1.1874 zu lesen war, dass vorläufig nicht mehr als 60 Schüler aufgenommen werden könnten, betrug die Schülerzahl zu Beginn 72 und stieg noch während des ersten Jahres auf 105, später sogar auf 177. Das Alter der Schüler lag zwischen 15 und 45 Jahren. Der Leiter der Schule war Josef Wurzinger, zugleich Professor an der Realschule. Neben ihm unterrichteten nur noch zwei weitere Lehrer, von denen einer eine gewerbliche Zeichenschule besaß und einer Mitarbeiter der Werndlschen Waffenfabrik war. Der Erfolg der Schule wurde von einem großen Nachteil getrübt: Die Ausbildung war rein theoretisch, die praktische Ausbildung in einer Lehrwerkstätte fehlte zur Gänze. Das veranlasste den sehr rührigen Bürgermeister Crammer, persönlich bei Kaiser Franz Josef vorzusprechen und um die Bewilligung einer „Versuchsanstalt" in Steyr zu bitten. Der Bitte wurde stattgegeben, da die Stadt Steyr sich bereit erklärte, das dafür benötigte Gebäude zu pachten und auch Umbaukosten und Betriebskosten zu tragen. In einer ehemaligen Nagelfabrik mit Drahtzug im Stadtteil Wehrgraben wurde somit eine „Versuchsanstalt für Stahl- und Eisenindustrie" eröffnet. Da sie sehr erfolgreich war und bald eine Erweiterung notwendig wurde, beschloss man ihre Zusammenlegung mit der Fachschule.

Praktische Ausbildung wird eingeführt

ERSTES SCHULGEBÄUDEAm 15.Oktober 1878 wurde die k.k. Vereinigte Versuchsanstalt und Lehrwerkstätte für Stahl- und Eisenindustrie im erwähnten Gebäude im Wehrgraben eröffnet. Leiter der Anstalt wurde Ing. Franz Fritz Maier, der sich sowohl vor als auch nach seiner 5-jährigen Tätigkeit in Steyr einen Namen als Experte im Schiffsbau machte. Der Lehrkörper umfasste 4 Personen. In 2 Jahrgängen wurde theoretischer Unterricht im Ausmaß von 18 Stunden pro Woche sowie 30 Wochenstunden (!!!) praktischer Unterricht erteilt. Dieser Werkstättenunterricht sah im 2.Jahrgang die Herstellung von „gangbarsten Handelsartikeln des Eisen- und Stahlgewerbes" (Messer, Gabeln, Scheren, Ahlen, ...) als auch von „feineren Eisen und Stahlwaren" (Uhr-, Halsketten, Schließen, Schlösser, Schlüssel und Beschläge für Kassetten und Koffer, ...) vor. Es gab auch Sonntagsunterricht für Arbeiter, der auf die Dauer eines Jahres ausgelegt war und die Gegenstände Rechnen, Schönschreiben, Geometrisches Zeichnen und Freihandzeichnen umfasste.

Ein interessantes Detail sei noch angeführt: In einer nur als Maschinschriftmanuskript vorliegenden Broschüre dieser Schule aus dem Jahr 1879 wird als ein Zweck der Schule ausdrücklich „...die externe Tätigkeit des Leiters der Anstalt in den einzelnen Werkstätten der Gewerbetreibenden selbst..., um diesen an Ort und Stelle praktische Ratschläge und die Anregungen für Einrichtungen zu geben...." erwähnt.

Da die räumliche Situation in dem Schulgebäude miserabel war – die Räume waren eng, feucht und schlecht ausgestattet - wurde der Wunsch nach einem Neubau immer stärker. Die Stadt Steyr sträubte sich zunächst noch dagegen und bot ein anderes, allerdings baufälliges Objekt an. Als dies vom Direktor der Schule vehement abgelehnt wurde, erklärte sich der Gemeinderat bereit, die Kosten eines Neubaus zu übernehmen.

Das erste neue Schulgebäude

Am 23.September 1883 wurde das neue Schulgebäude in der Schwimmschulstraße eröffnet (Heute steht an dieser Stelle die BAKIP Steyr) und gleichzeitig die Schule in k.k. Vereinigte Fachschule und Versuchsanstalt für Eisen- und Stahlbearbeitung umbenannt. Unter dem neuen Direktor Ing. Alfred Musil wurde die Ausbildungszeit an der Schule auf drei Jahre ausgedehnt, und erstmals wurden zwei Abteilungen eingerichtet: eine Abteilung für Messerschmiede und eine Abteilung für Feinzeugschmiede und Werkzeugschlosser.

Der 1. Jahrgang vermittelte allen Schülern die gemeinsamen allgemeinen Grundlagen, im 2. und 3. Jahrgang erfolgte dann die abteilungsspezifische Ausbildung. Es zeigte sich bald, dass das Interesse für das Gewerbe der Messerschmiede immer mehr nachließ - sicherlich Ausdruck des Niedergangs der Steyrer Messerindustrie. Die Schülerzahl der Abteilung für Feinzeugschmiede und Werkzeugschlosser stieg hingegen ständig an.

Als Direktor Musil einer Berufung an die Technische Hochschule Brünn folgte, versuchte sein Nachfolger Gustav Ritzinger nochmals, dem Messerergewerbe zu Hilfe zu kommen. Im Jahr 1894 schuf er eine Lehrstelle für Ziselieren und Gravieren, die er mit dem Künstler Leo Zimpel besetzte – die Geburtsstunde der heutigen Abteilung für Kunsthandwerk. 1905 wurde diese Lehrstelle zur Abteilung für Graveure, Ziseleure und Stempelschneider.

Direktor Ritzinger kämpfte aber nicht nur für das Überleben des Messerergewerbes in Steyr, er erkannte sehr wohl auch die Bedürfnisse der Wirtschaft zu seiner Zeit. Die Erfindung der Dampfmaschine hatte zu einer starken Nachfrage nach ausgebildeten Kesselwärtern geführt. Daher bot die Schule ab 1894 Kurse für Kesselheizer und Dampfmaschinenwärter an; in den folgenden 28 Jahren machten rund 850 Menschen von diesem Angebot Gebrauch.

Betrug die Schülerzahl im Jahr 1883 noch 30, so verdoppelte sie sich bald. Um die Jahrhundertwende wurden immer mindestens 60 Schüler gezählt. Eine in der Festschrift von 1928 veröffentlichte Statistik weist aus, dass ab 1900 nur mehr durchschnittlich 3 Schüler pro Jahr die Abteilung für Messerschmiede besuchten, während im selben Zeitraum die Abteilung für Feinzeugschmiede und Werkzeugschlosser durchschnittlich 57 Schüler zählte.

Neben der regulären Schule und den erwähnten Kursen für Kesselheizer gab es auch noch Abend- und Sonntagskurse für Gewerbetreibende und Gehilfen. Auch in dieser relativ neuen Schule stellten sich bald wieder die alten Probleme ein: Raumnot, Feuchtigkeit und Hochwassergefahr. Der Nachfolger des inzwischen verstorbenen Direktors Ritzinger, Ing. Rudolf Pawlicka, drängte daher auf die Errichtung einer neuen Schule, die außerdem - angesichts der Bedeutung von Steyr als wichtigstes Industriezentrum Oberösterreichs - zur Staatsgewerbeschule erhoben werden sollte. Wie schon öfter in der Geschichte scheiterten diese Wünsche des Direktors an den fehlenden finanziellen Mitteln; und die Blüte der Schule fand vorübergehend ein jähes Ende durch den 1.Weltkrieg.

1916 starb Direktor Pawlicka, und Professor Ingenieur Ferdinand Freihofner wurde vorübergehend provisorischer Leiter der Schule. 1917 wurde die neue Handelsschule der Stadt Steyr im selben Gebäude wie die Fachschule untergebracht, und es wurde klar, dass ein Fortbestand der Schule nach dem Krieg nur mit einer Lösung des Raumproblems möglich war. Eine solche Lösung zeichnete sich plötzlich nach Ende des 1.Weltkriegs ab. Es bot sich die einmalige Gelegenheit, die ehemalige Jägerkaserne in der Schlüsselhofgasse mit ihren rund 20000 m² Grund zu erwerben. Dem neuen Direktor, Ing. Karl Wolf, gelang es nach großen Anstrengungen, einerseits das Staatsamt für Heereswesen dazu zu bringen, die Kaserne der Stadt Steyr zu überlassen, andererseits die Gemeindeväter von Steyr von der Notwendigkeit des Kaufs und der Adaptierung des Gebäudes für schulische Zwecke zu überzeugen.

Am 1.Dezember 1920 begann der Theorieunterricht im neuen Schulgebäude, im Juli 1921 war die Übersiedelung abgeschlossen. Erstmals in der Geschichte der Schule hatte man genug Raum, um die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen. Das neue Gebäude bot unter anderem Platz für sechs Lehrsäle, vier Labors und zwölf Werkstättensäle plus Nebenräume. Außerdem gab es einige Dienstwohnungen für Lehrer und Schulwarte. Für auswärtige Schüler wurde im Schulgebäude ein Schülerheim eingerichtet, für das vorerst drei Säle zur Verfügung standen.

Die Zwischenkriegszeit

Die Übersiedelung an den neuen Standort wurde begleitet von einer völligen Neuorganisation. Die Schule hieß nun Bundeslehranstalt für Eisen- und Stahlbearbeitung und für Elektrotechnik. Wie der neue Name bereits verrät, kam es nun zur lang ersehnten Schaffung einer Fachschule für Elektrotechnik. Die Abteilung für Messerschmiede wurde aufgelassen, die Abteilung für Feinzeugschmiede und Werkzeugschlosser wurde zur Fachschule für Maschinen- und Werkzeugbau. Weiterhin unerfüllt blieb der Wunsch nach Aufwertung zur Staatsgewerbeschule. Auch für die Abteilung für Graveure und Ziseleure und Stempelschneider brachte das Jahr 1920 eine entscheidende Änderung. Mit Prof. Hans Gerstmayr übernahm ein Schüler von Michael Blümelhuber die Leitung der Abteilung, die er 30 Jahre lang innehatte. Er brachte die Stahlschnittkunst an die Schule und verhalf ihr zu wachsender Anerkennung und Verbreitung.

Neben den Schülern der genannten Abteilungen wurden ab 1923 einmal wöchentlich auch Lehrlinge der metallverarbeitenden Betriebe des gesamten Bezirkes an der Schule unterrichtet. Die Schülerzahlen beliefen sich meist auf rund 150 – 170 „reguläre" Schüler und in etwa dieselbe Anzahl von Lehrlingen. Direktor Wolf verstarb nach nur vierjähriger Amtszeit, ihm folgte Ing. Ferdinand Freihofner.

Ein sehr wichtiges Datum in der Geschichte der Schule ist der 17. Dezember 1930. An diesem Tag ging die Schule in den Besitz des Bundes über. Im Hintergrund dieser weitreichenden Entscheidung stand die damalige wirtschaftliche Situation der Region Steyr. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise ging die Industrieproduktion zurück, die Arbeitslosigkeit nahm rapide zu (6.000 Arbeitslose bei 24.000 Einwohnern!), die Finanzmittel der Stadt Steyr wurden knapp. Die Stadtgemeinde konnte einfach die Mittel für die Erhaltung der Schule nicht mehr aufbringen und musste daher das Gebäude und alle Anlagen um 300.000 Schilling an den Bund abgeben.

Das Jahr 1932 brachte den Beginn der Beschäftigung mit Kraftfahrzeugtechnik an der Schule. In dem Jahr begann man mit 6-monatigen Kursen für Schmiede- und Schlossermeister, die die KFZ-Konzession erwerben wollten. Während des Kurses wohnten die Teilnehmer im Internat.

Auf Direktor Freihofner folgte 1933 Ing. Josef Haßlinger als Schulleiter. Die Zeiten wurden unruhiger und schwieriger. So wurde die Schule im Februaraufstand 1934 in Mitleidenschaft gezogen, der zweite Stock wurde durch Beschuss durch das Bundesheer beschädigt. In den folgenden Jahren bot die Schule Umschulungskurse für Arbeitslose an, die von rund 80 Leuten genutzt wurden.

Die Schule während des Zweiten Weltkriegs

Der Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 brachte natürlich weitreichende Änderungen für die Schule mit sich. Zunächst wurde der amtierende Direktor seines Amtes enthoben und Ing. Rudolf Mitterhauser als Nachfolger eingesetzt. Die Schule wurde in Staatsfachschule umbenannt. 1942 wurde – nach deutschem Vorbild - eine Staatliche Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau eingerichtet, die nach einer 8-semestrigen Ausbildung zur Matura führte. Insgesamt gelangten aber nur 2 Jahrgänge dieses Schultyps zur Reifeprüfung. Die Fachschule für Maschinen- und Werkzeugbau gab es während dieser Zeit nicht, die Fachschule für Elektrotechnik blieb bestehen. Infolge des Kriegs kam im Jahr 1944 der Schulbetrieb gänzlich zum Erliegen. Die ersten Jahrgänge kamen an die Bundesgewerbeschule Linz, die älteren Schüler und einige Lehrer wurden für Rüstungsaufgaben in den vorhandenen Werkstätten oder in den Steyr-Werken eingesetzt. In den letzten Tagen des Krieges wurde die Schule geplündert und alle schriftlichen Unterlagen wie Bücher, Kataloge und Archivmaterial verbrannt.

Die Bundesgewerbeschule

 

Nach Ende des Krieges wurde Ing. Haßlinger wieder mit der Schulleitung betraut, und im September 1945 konnte der Unterricht mit 177 Schülern wieder aufgenommen werden. Allerdings bedurfte es großer Anstrengungen, die Schäden an den Gebäuden zu beheben und die notwendigsten Einrichtungsgegenstände wie Tische, Sessel, Tafeln etc. herzustellen. Auch wäre der Unterricht nicht möglich gewesen, hätte die Schule nicht von den Steyr-Werken Maschinen und Werkzeuge bekommen, bzw. hätte man nicht Rundfunkbestandteile der deutschen Wehrmacht, die von der amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt worden waren, erhalten.

Die Schule hieß nun Technisch-gewerbliche Bundesfachschule; sie umfasste wie bisher

  • eine Fachschule für Maschinenbau- und Werkzeugbau (wieder an Stelle der Ingenieurschule),
  • eine Fachschule für Elektrotechnik und
  • eine Fachschule für Stahl- und Stanzenschnitt, Gravieren und Metalltreiben.
  • Neu hinzu kamen eine Fachschule für Hochfrequenz- und Rundfunktechnik,
  • eine Fachschule für Kraftfahrzeugbau und
  • eine Fachschule für Landmaschinentechnik.

Die Schülerzahl wuchs rasch wieder auf über 300, und im Jahr 1948 sah Direktor Haßlinger sein Lebensziel verwirklicht: Steyr bekam zwei Höhere Abteilungen, die nach 5-jähriger Ausbildung zur Reifeprüfung führen sollten. Ab 1948 führte die Bundesgewerbeschule Steyr eine Höhere Abteilung für Maschinenbau, Motoren- und Kraftfahrzeugbau und eine Höhere Abteilung für Maschinenbau, Motoren- und Landmaschinenbau.

Leider starb Dir. Haßlinger im Jahr darauf; unter seinem Nachfolger, Dipl.-Ing. Robert Hillisch gewann die Schule unaufhaltsam an Bedeutung und Beliebtheit: 1951 gab es an der Schule zwei Höhere Abteilungen und sechs Fachschulen, die Schülerzahl wuchs jährlich um rund 60. 1957 zählte man bereits 676 Schüler. Es ist daher verständlich, dass in dieser Zeit der Ausbau der Schule im Mittelpunkt stand. So wurde ein Nebengebäude mit Lehrsälen, einem Zeichensaal und der Kfz-Werkstätte gebaut, und wenige Jahre später ein einstöckiges Werkstättengebäude mit Garagen eröffnet. Im Schulgebäude wohnende Lehrer und Schulwarte mussten in bestehende Nebengebäude („Stöcklgebäude") übersiedeln, um Platz für Unterrichtsräume zu schaffen. 1959 wurde das seinerzeitige Meisteratelier Michael Blümelhubers erworben („Blümelhubervilla"), unter Mithilfe der Schüler umgebaut und der neuen Abteilung Gürtler, Gold- und Silberschmiede für den Atelierunterricht überlassen.

Anlässlich des Übertritts von Direktor Hillisch in den Ruhestand wurde 1963 ein Bericht herausgegeben, der auch eine Chronik der Jahre 1954 – 1963 enthält. Eine Besonderheit der Ära Hillisch waren u.a. die jährlichen Feierlichkeiten zum „Tag der Fahne" am 26. Oktober.

Hier ein Auszug aus dem Bericht des Jahres 1962:
Die in Festkleidung erschienenen Lehrer und Schüler versammeln sich im Schulhof. Nach der Begrüßung durch den Direktor der Anstalt singt ein Schulchor: „Steig auf, du Fahne rot-weiß-rot", während die österreichische Fahne langsam aufgezogen wird. Anschließend hält der Schüler W. Schwert (V Ml) eine schwungvolle Festrede. Gemäß dem Motto: "Schöpferisches Österreich" werden dem Zuhörer die Leistungen Österreichs auf verschiedenen Gebieten durch je 2 Schüler ins Gedächtnis gerufen. (.....) Dieser sehr eindrucksvollen Kundgebung österreichischer Leistungen folgt ein Heimatlied (...) und ein Gedicht. Im 2.Teil der Feier zeigt eine Turnerriege unter der Leitung von Prof. Peiker an Boden- und Kastenübungen ein beträchtliches Können. Sehr nett sind die Vorführungen einer Volkstanzgruppe. (...) Mit der Bundeshymne schließt die Feier. Nachher ist unterrichtsfrei.

In Jahresberichten der heutigen Zeit wird man solche Berichte sicherlich nicht mehr finden.

Ein besonderes Verdienst von Direktor Hillisch war sein Einsatz für den Neubau eines Internats. Die Wohnräume für die Schüler nahmen den gesamten 2.Stock des Schulgebäudes in Anspruch, die Küche befand sich im Erdgeschoß. Besonders ungünstig war aber die Tatsache, dass Unterrichtsräume im Erdgeschoß gleichzeitig auch als Speisesäle sowie als Studien- und Aufenthaltsräume dienen mussten. Die Übersiedelung in einen Neubau bedeutete, dass nun mit einem Schlag zehn Unterrichtsräume mehr zur Verfügung standen und Belästigungen durch Küchendünste, Speisereste usw. in den Klassen wegfielen. Im Herbst 1961 konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die feierliche Eröffnung am 10.Oktober 1964 erfolgte schon unter dem neuen Direktor Dipl.-Ing. Wilhelm Jurkowski.

Die Höhere Technische Lehranstalt

 

Mit dem neuen Schulorganisationsgesetz 1963 wurde die Schule zur Höheren technischen Lehranstalt. Da die Schülerzahlen immer noch stark anstiegen, wurden ab 1966 bzw. 1969 die Höheren Abteilungen mit zwei Klassenzügen geführt. Die letzte größere Änderung in der Schulorganisation kam mit dem Schuljahr 1972/73. An die Stelle der Abteilung für Landmaschinentechnik trat die Höhere Abteilung für Maschinenbau, gleichzeitig wurde eine Höhere Abteilung für Nachrichtentechnik und Elektronik eröffnet, die Vorläuferin der heutigen Höheren Abteilung für Elektronik/Technische Informatik.

In der Leitung der Schule kam es innerhalb kurzer Zeit zu einem mehrmaligen Wechsel. Auf Dipl.-Ing. Jurkowski folgte 1981 Dipl.-Ing. Klaus Hamberger, der aber die Schule nach einem Jahr verließ. Mag. Ferdinand Freihofner führte die Schule kurz als provisorischer Leiter. Mit Beginn des Schuljahres 1982/83 übernahm Dipl.-Ing. Dr. Gottfried Ehrenstrasser das Amt des Direktors. Ihm gelang es in relativ kurzer Zeit, die lang gehegten Wünsche nach einem Ausbau der Schule zu verwirklichen.

Und so dominierten in den letzten 15 Jahren Bauarbeiten das Leben an der HTL Steyr. Im März 1984 begann man mit dem Aufstocken des Hauptgebäudes, rund ein Jahr später stand der 3.Stock zur Verfügung. Nach mehrmaliger Verzögerung konnten dann im Februar 1988 die Arbeiten für die Zubauten beginnen. Es entstanden ein neuer Trakt mit Labor- und Lehrsälen und ein neuer Werkstättentrakt. Das alte Hauptgebäude wurde Stockwerk für Stockwerk saniert und schließlich wurde mit der Renovierung der Blümelhubervilla begonnen. Wie bei den Neubauten kam es auch hier zu Verzögerungen. Erst seit Anfang 1999 kann der Atelierunterricht der Abteilung für Kunsthandwerk wie vorgesehen in der Villa stattfinden. Die Gesamtkosten aller dieser Baumaßnahmen betrugen etwa 300 Millionen Schilling.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass alle genannten Bauarbeiten während des regulären Schulbetriebs durchgeführt wurden. Trotz der Belästigung durch Lärm, Staub, Wasser, trotz beengter räumlicher Verhältnisse, trotz manchmal notwendiger Improvisation, trotz Erschwernissen durch Unterricht in einer Baracke am Tabor oder im Internat gelang es den Lehrern, die Qualität des Unterrichts aufrechtzuerhalten.

Unabhängig von den Arbeiten an der Schule wurde auch das Internat vollkommen renoviert. Im März 1996 wurde es als „Schülerwohnheim" wieder eröffnet und dient nun auch Mädchen als Unterkunft am Schulort. Das Schülerwohnheim wird vom gemeinnützigen Verein „Schülerförderungsverein Steyr" betrieben.

Quellen:

  • Vereinigte Versuchsanstalt und Lehrwerkstätte für Eisen- und Stahlgewerbe des k.k. Handelsministeriums in Steyr, Steyr 1879 (Maschinschriftmanuskript)
  • Festschrift zur Erinnerung an den 50-jährigen Bestand der Bundeslehranstalt für Eisen- und Stahlbearbeitung und für Elektrotechnik in Steyr, Steyr 1928
  • Festschrift zum 80-jährigen Bestand der Bundesgewerbeschule Steyr, Steyr 1954
  • Bundesgewerbeschule in Steyr 1954-1863, Steyr 1963 (Festschrift anläßlich des Übertritts von Direktor Hofrat Hillisch in den Ruhestand)
  • 100 Jahre Höhere Technische Bundeslehranstalt Steyr, Steyr 1974
  • Jahresberichte der HTL Steyr 1993/94 – 1997/98
  • Schulchronik der HTL Steyr

Mag. Rudolf Wimmer
(Jahresbericht HTL Steyr 1998/99)